Flugblatt anlässlich der neoliberalen Umstrukturierungen an der Universität

Die Uni muss sterben, damit wir lernen können...

Im Grunde kann so ein Lernort ja wirklich toll sein: Viele wissbegierige Menschen aus unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen treffen sich und beschäftigen sich mit für sie wichtigen Fragen und Zusammenhängen. Gemeinsam mit anderen eignen sie sich Wissen an, entwickeln es kreativ weiter und konfrontieren es mit kritischen Fragen und ihren Alltagserfahrungen. Die Inhalte sind im dauernden Fluss, stets wird von allen Seiten um sie gerungen. Alle können dabei von- und miteinander lernen. Eine gemütliche Lernatmosphäre mit integriertem Lebens- und Erholungsbereich tut ihr übriges. Natürlich steht kollektive Infrastruktur wie Arbeitsräume, Bücher und Computer zur Verfügung, und auch in Mensaküche und Werkstatt kann lernen, wer möchte.
Lernorte wie diese sind allerdings in unseren Breiten (und zugegebenermaßen auch in anderen) derzeit in der Regel nicht anzutreffen. Stattdessen gibt es Schulen und Universitäten. Und an denen ist nicht viel mit selbstbestimmtem Lernen.

We don’t need no education
Das erste was an einer Uni auffällt, sind die extremen Statusunterschiede: Da gibt es ProfessorInnen, wissenschaftliche MitarbeiterInnen, studentische Hilfskräfte, „einfache“ Studierende und nicht zuletzt Reinigungskräfte und andere Angestellte, die in einer festgefügten Hierarchie angeordnet sind. Entsprechend wird das Wissen auch nicht gemeinsam erarbeitet, sondern in klarer Aufgabenverteilung schon fertiges Wissen von oben nach unten durchgereicht.
Studierende haben dabei in den seltensten Fällen Einfluss auf Studieninhalte und Seminarorganisation. Kritik an dem überkommenen universitären Wissen ist jedoch bitter nötig, da es nicht zuletzt Jahrhunderte alte Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse konserviert und weitergibt.
Kollektives Erarbeiten eines gemeinsamen Wissenspools ist hier nicht möglich. So unterliegen die Veranstaltungen in aller Regel einer rigiden Zeitvorgabe. Kritik kann stets mit dem formalen Argument abgewehrt werden, dies gehöre nicht zum Thema oder es sei für derartig grundsätzliche Diskussionen an dieser Stelle leider kein Raum.
Aber auch innerhalb der Statusgruppen manifestieren sich Hierarchien: Denn wenn beispielsweise einmal Anmerkungen aus der Studierendenschaft zu hören sind, ist die Quelle meist leicht auszumachen: Vorwiegend aus gutbürgerlichem Elternhaus stammende Studierende, meistens Männer, täuschen geschickt fachliche Kompetenz vor.
In diesem großen Uni-Bluff haben das praktische Wissen und Kritikpotential der anderen keinen Platz und werden systematisch unterdrückt. Oft genug geht es nur darum, sich möglichst vorteilhaft gegenüber den ProfessorInnen und den übrigen Studierenden zu profilieren. Natürlich herrscht auch zwischen den WissenschaftlerInnen ein ständiger Konkurrenzkampf um Anerkennung, die „wissenschaftliche Reputation“ heißt. Ihnen geht es darum, Blumentöpfe und Nobelpreise zu gewinnen, sich im Forschungsranking hervorzutun und die Zukunft ihres Lehrstuhls und ihrer Forschung zu sichern.
Lehrveranstaltungen an der Universität dienen insofern nicht der Erweiterung von Wissen, sondern vornehmlich der Rekrutierung von wissenschaftlichem Nachwuchs, der den universitären Betrieb fortführt. Zum anderen geht es um die Ausbildung derjenigen, die führende Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft übernehmen sollen. Menschen, die das dafür notwendige monotone Lernverfahren nicht mitmachen, werden unterwegs ausgesondert. Es wird verlangt, sich möglichst gut an den herrschenden wissenschaftlichen Kanon anzupassen. Wer die gesellschaftliche Normalität kritisch in Frage stellt, kann im inneruniversitären Machtkampf nicht bestehen oder soll von vornherein „ausgemerzt“ werden (v. Figura, Unipräsident in Göttingen).
Organisatorisch ist dieses Prinzip durch die Verwaltungsgremien abgesichert. Hier haben die ProfessorInnen stets die absolute Mehrheit – nicht bloß im Vergleich zu anderen Statusgruppen, sondern auch im Vergleich zu allen Statusgruppen zusammen. Völlig enthoben von diesen „Mitbestimmungsproblemen“ ist der/die jeweilige Uni-PräsidentIn, der/die – nur noch dem Stiftungsrat verpflichtet – quasi absolutistisch herrschen kann.

Money, Money, Money
Doch nicht nur innerhalb des tagtäglichen Unibetriebes bleiben viele Menschen auf der Strecke. Die meisten kommen erst gar nicht dort an. Sie scheitern bereits vorher an den rigiden Auslesemechanismen eines dreigliedrigen Schulsystems. Dass gerade hierzulande nur 10% der Kinder aus ArbeiterInnenfamilien studieren, ist da kein Zufall. Für MigrantInnen sieht es noch schlechter aus. Auch die Fähigkeit, sich in Institutionen wie Gymnasien und Universitäten zu behaupten, ist extrem von der gesellschaftlichen Herkunft abhängig. Diese Tendenz zur sozialen Selektion wird durch Studiengebühren verstärkt. Das viele Geld lässt sich nur von den Wenigsten ohne Probleme aufbringen. Schon heute müssen viele Studierende neben dem Studium arbeiten gehen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Wer in der verschärften Konkurrenz um die teuren Studienplätze als Gewinner hervorgehen wird, ist klar. Der lückenlosen Reproduktion der herrschenden Ungleichheit steht damit nichts im Wege.
Konkurrenz findet aber auch im universitären Wissenschaftsbetrieb statt. Im Wettbewerb um staatliche „Exzellenz“-Zuschüsse und Drittmittel aus der Wirtschaft kämpfen Universitäten, Fachbereiche und Institute gegeneinander. Lerninhalte werden auch vor diesem Hintergrund nicht von den Studierenden gewählt, sondern sind vom Lehrangebot abhängig, das durch wirtschaftliche und staatliche Interessenformulierung geprägt ist. Dabei liegt das große Gemetzel sicherlich noch vor uns. Die Universitäten sind eben von den Prinzipien Verwertbarkeit und Profitmaximierung genauso durchdrungen wie die Gesellschaft insgesamt.

Was hat dich bloß so ruiniert
„Was zum Henker kümmert mich mein Lerninteresse? Ist es nicht legitim, dass ich versuche an der Uni mein Bestes zu geben und dafür auch belohnt werde?“ Der Glaube daran, dass die Verhältnisse so, wie sie sind, auch richtig sein müssen, hat sich in den Köpfen von uns allen so festgesetzt, dass wir schon bereit sind ihn wie ein Naturgesetz zu akzeptieren. Selbst offensichtlichste Widersprüche werden hingenommen. Wir haben die Rhetorik von der unbedingten Notwendigkeit zum Sparen so oft gehört, dass uns der Kopf brummt. Was es braucht, ist eine radikale Entziehungskur: Spart euch das Sparen!
Dann kann der Blick auch auf die Absurdität der Verhältnisse gelenkt werden. Denn diese zwingen einen ständig, die eigenen Bedürfnisse zu relativieren. Nicht unsere angeblich überzogenen Bedürfnisse sind das Übel, sondern die Verhältnisse, die uns Verzicht einreden wollen.

Learning to fly
Es muss uns bei unserem Kampf um eine lebenswerte Universität also darum gehen, die aktuell anstehenden Grausamkeiten in den Zusammenhang einer insgesamt herrschaftsförmigen Gesellschaftsorganisation und deren Folgen zu stellen. Dass unser Protest über die Universität hinausgehen muss, ist also eine schlichte Selbstverständlichkeit. Schließlich sind SozialhilfeempfängerInnen, RentnerInnen, Behinderte und MigrantInnen mindestens ebenso von Normierung, Hierarchisierung und den Folgen einer neoliberal dominierten Umstrukturierung der kapitalistischen Gesellschaft betroffen.
Ziel kann nicht vorrangig ein Anrennen gegen Sparmaßnahmen oder die bedingungslose Verteidigung des bestehenden Lehrangebots sein. Solche „einfachen“ Kampagnen, wie sie ja auch von ProfessorInnen der derzeitig betroffenen Fachbereiche und der Tagespresse propagiert werden, sind ebenso kurzsichtig wie populistisch. Ohne eine Infragestellung der bestehenden universitären Verhältnisse führt ein von solchen Argumenten geprägter Protest lediglich zur Verteidigung von Elitepositionen in Wissenschaft und Gesellschaft.
Streiten wir darum, wie wir die Uni zu einem Ort des selbstbestimmten Lernens machen können! Schrecken wir nicht davor zurück, Altvertrautes aufzugeben! Trauen wir uns, erste konkrete Schritte jetzt zu gehen!

Unipräsidium abwickeln!
Herrschaft ausmachen!
Schöner Lernen jetzt!