Flugblatt anlässlich der traditionellen DGB Kundgebung am 1. Mai 2003:

  Hartz-Kommission: Lohnarbeit soll ersatzlos gestrichen werden
Politiker empört / Große Zustimmung in der Bevölkerung

slg BERLIN, 30. April. Nach monatelangem Ringen hat die Hartz-Kommission am gestrigen Mittwoch in ihrem Abschlussbericht zukunftsweisende Vorschläge zum Umbau der sozialen Sicherungssysteme der Öffentlichkeit vorgestellt. Das erarbeitete Konzept sieht die ersatzlose Streichung der Lohnarbeit vor. Auch der offizielle Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, von vielen eher als staatlicher Kampf gegen die Arbeitslosen wahrgenommen, wird damit eingestellt. Als ausreichende Lebensgrundlage steht danach jeder Person, unabhängig von ihrer Tätigkeit, ein gleiches Einkommen zur Verfügung. Neben der Absenkung hoher und höchster Einkommen werden zur Finanzierung der Einkommensgleichheit verschiedene Vorschläge zur Einsparung überflüssiger Ausgaben diskutiert. Einigkeit besteht dabei schon über die Auflösung von Bundeswehr und Geheimdiensten, das Einbehalten von Unternehmensgewinnen und die Abschaffung des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.
Weitere Möglichkeiten, gesellschaftlich rationaler zu verfahren, sieht das Konzept vor allem darin, dass die Bevölkerung selbst über Art und Organisation ihres gesellschaftlichen Lebens bestimmen soll. Dazu wird ein Maßnahmenbündel vorgeschlagen, das die dezentrale Selbstverwaltung in allen gesellschaftlichen Bereichen befördern soll. Insbesondere die Arbeitenden sollen frei über Art und Organisation ihrer Arbeit bestimmen können. Sämtliche Hierarchien in Betrieb und Gesellschaft sollen durch gleiche und freie Strukturen ersetzt werden.
Inzwischen liegen erste ablehnende Reaktionen von Politikern aller Parteien vor. Nur einige sind offenbar bereit, sich auf Einkommensgleichheit und Selbstverwaltung einzulassen und ihre Koffer für einen längeren Urlaub in Liechtenstein zu packen. Viele meinen, für das Gemeinwesen unverzichtbar zu sein. Unter Tränen sprach Bundesaußenminister Joseph Fischer davon, dass es "eine Schande" sei, wie man mit den Politikern in diesem Land umgehe. Diese Reaktionen scheinen die Begeisterung der Bevölkerung jedoch nicht zu beeinflussen. Nach bekanntwerden der Vorschläge der Hartz-Kommission kam es zu spontanen Freudenkundgebungen in Berlin, München, Karlsruhe und Göttingen.  
   
 

Montag, 1. Mai 2023, 9.00 Uhr
Die Sonne scheint als ich aufwache. Meist schlafe ich länger, aber heute wollen wir doch diesen Rathausumbau starten. Also noch gemütlich frühstücken und....oh, Milch und Brot sind alle. Also schnell zum nächsten GreifZu.

9.15 Uhr.
Im GreifZu bringt Klaus gerade Brötchen aus der Back-Koop. Dass ihm dort heute morgen schon um 7 Uhr andere zuvor gekommen waren und Teig bereitet hatten, ärgerte ihm mal wieder. Aber nach kurzem Hin und Her entschlossen sie sich, noch einen Teig zuzubereiten und die überschüssigen Brötchen in den nächstgelegenen GreifZu zu bringen, erzählt er.
Das alles erscheint Euch natürlich vollkommen selbstverständlich. Doch erinnern wir uns kurz, dass dies einmal ganz anders war: In der "Marktwirtschaft" waren die Menschen dazu gezwungen, einer "Erwerbsarbeit" nachzugehen, um dafür "Geld" zu erhalten. Dabei stellten sie "Waren" her, die sie meist gar nicht selber brauchten und über die sie selbst nicht verfügen konnten. ‚Waren hießen Waren, weil sie immer für andere waren', meinte mal eine Freundin dazu. Die eigenen Bedürfnisse konnten die Menschen erst durch den Besitz von Geld befriedigen, von dem die meisten stets zu wenig hatten.
Heute finden wir das natürlich absurd. Warum sollten nicht alle einfach haben und tun können, was sie wollen? Wenn es dann mal nicht hinkommt, können wir uns doch auf die Allgemeinen Dienste einigen. Aber damals meinten sie noch, eine Gesellschaft könne nur mit Zwang zum Tätigsein, mit gewinnorientierten Märkten und Hierarchien funktionieren. Ich glaube ja, dass es deshalb damals so viele Kriege, Unruhen und Armut gab.Na ja, den besten Beweis, dass das heute doch besser läuft, halte ich jetzt in Form von durften Brötchen in der Hand.

9.45 Uhr.

Als ich zuhause ankomme, ist auch Anna inzwischen aufgestanden. Beim Frühstück läuft im Stadtradio eine Sendung zum zwanzigsten Jahrestag der Hartz-Kommission. Einige von Euch werden sich sicher noch daran erinnern: Als damals immer klarer wurde, dass viele Menschen für die Produktion von Gütern überflüssig waren, behauptete man einfach, die Leute seien Drückeberger und Faulenzer und versuchte sie zu irgendwelchen Tätigkeiten zu zwingen. "Notwendige Reformen" nannten sie das dann. Na ja, dann kam damals dieses Reform-Papier der Hartz-Kommission und schon bald danach die ersten Umsonstläden. Damals hätte sich wohl auch keiner träumen lassen, wie schnell das Geld bedeutungslos werden würde, und dass schon kurz danach die Regierungen verschwinden würden.
Anna erzählt, dass bei H&M, wie sie hier die Holz-und-Metall-Werkstatt nennen, über das Rosa-Seiten-Netz gestern eine Produktions-Anfrage reinkam: Über eine völlig skurrile Idee für eine Sitzecke - Toaster und eine Kochstelle sollten gleich so integriert sein, dass alles im Sitzen zu bedienen sei. Heute will sich Anna mit ihrer H&M-Clique mal einen Bauplan dafür überlegen.
Ich erzähle Anna von dem Umbau-Projekt, bei dem ich heute mitmachen will. Sie ist begeistert: "Das Rathaus zum Kulturzentrum umbauen? Gute Idee, wurde auch endlich mal Zeit, dass dieses Symbol der Fremdbestimmung verschwindet."
Seitdem die Regierung abdankte und die Leute selbstverwaltet leben, steht das Neue Rathaus ja, bis auf einzelne Partys, ziemlich ungenutzt da. Auf einem Offenen Treffen berieten neulich alle über die Zukunft des Neuen Rathauses. Einige stritten für eine neue Klamotten-Produktionseinheit, weil doch in unserer Gegend manchmal nur doofe Klamotten in den GreifZu's ankommen. Nach langem Meinungsaustausch haben sich schließlich alle darauf geeinigt, beides zu kombinieren: Im Hauptbau soll jetzt ein Kulturzentrum entstehen, aber im Anbau wollen Leute ihre Idee für neue benutzungsfreundliche Klamotten-Maschinen ausprobieren.
Früher war das kulturelle Leben überall durch Geld geregelt und von finanziellen Kürzungen bedroht, weil man meinte, die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandorts sei wichtiger als die kreative Selbstentfaltung der Menschen. Dementsprechend hatten viele Menschen vor lauter Erwerbsarbeit häufig gar keine Zeit und Kraft, sich mit Kunst und Kultur zu befassen.
Aber seit der sogenannte Kapitalismus abgeschafft wurde, es kein Geld mehr gibt und die Menschen frei über ihre Zeit verfügen können, haben doch viele Lust auf kulturelle Aktionen. Ich denke, das liegt daran, dass die Leute jetzt erst die Zeit und Muße haben, ihren persönlichen Neigungen und Interessen nachzugehen und sich dafür mit Gleichgesinnten zusammenzutun.

10.30 Uhr.
So haben sich auch jetzt auf dem Hiroshimaplatz schon eine Menge Leute eingefunden. Weil das mitgebrachte Werkzeug und Material noch nicht reicht, schauen welche auf der Homepage der Göttinger NutzerInnengemeinschaft nach, ob jemand in der näheren Umgebung Baumaschinen und Werkzeug zur Verfügung stellt. Dann machen sich ein paar Leute dafür auf den Weg, und wir restlichen fangen schon an: Wir reißen Mauern ein, errichten Stützpfeiler, bemalen Wände...

17 Uhr.
Am Nachmittag bildet sich eine Kochgruppe fürs Abendessen. Weil ich selbst die Nase voll habe von der schweißtreibenden, harten Arbeit, schließe ich mich an.

19 Uhr.
Das Essen ist fertig, es ist was Indisches geworden. Scharf, aber lecker. Das finden auch die Leute, die noch dazu gekommen sind. Wie immer sind ‚Gäste' willkommen - wie auch an den meisten anderen Projektpunkten, in denen täglich gekocht wird, und die man am ausgehängten Essensschild erkennt.
Ich war ja immer schon optimistisch, aber viele Leute hatten damals Zweifel, ob es in einer selbstverwalteten Gesellschaft auch für alle genug zu Essen gäbe und ob z.B. alle medizinisch umfassend versorgt wären. Aber zum Glück hat sich ja gezeigt, dass das klappt. Und insgesamt klappt es eigentlich viel besser als früher. Ich denke ja, der Fehler damals war, dass die Menschen meinten, ihre Interessen immer nur gegeneinander durchsetzen zu können. Dabei weiß heute jedes Kind, dass es sich einfach Gleichgesinnte suchen und loslegen kann.
Was nun die wahre Natur des Menschen ist, weiß ich auch nicht zu sagen. Zumindest aber scheinen die Leute heute ein schöneres Leben zu führen. Ich jedenfalls fühle mich hier sehr wohl. Und morgen schlafe ich mal richtig aus - und vielleicht werde ich später mit meinen FreundInnen in der Innenstadt picknicken gehen.