Flugblatt an die TeilnehmerInnen der Demo des DGB am 1. Mai 2002:

5 Millionen Arbeitslose sind 5 Millionen zuviel!

Arbeitslose haben in aller Regel weit weniger Geld als Leute "mit Job". Und je länger sie nicht arbeiten, um so schlimmer wird diese Situation. Erst Arbeitslosengeld, dann Arbeitslosenhilfe, schließlich Sozialhilfe - und wer weiß, welche Schikane sich die nächste, wie auch immer gefärbte Regierung noch einfallen lässt.
Doch nicht nur das. Arbeitslosigkeit ist auch meist mit einem Verlust von Prestige und Anerkennung verbunden. Und je länger jemand keine Arbeit hat, um so tiefgreifender wirkt sich dieser Ausschluss auf Lebensumfeld und Wohlbefinden aus. Nicht selten beginnen deshalb Langzeitarbeitslose in einem Strudel aus Frust, Hoffnungslosigkeit, Selbstzweifel und einem Gefühl der eigenen Wertlosigkeit zu versinken. Mit der Arbeitslosigkeit, wir sehen das schnell ein, ist das schon eine ziemlich miese Sache.

40 Millionen Erwerbstätige sind 40 Millionen zuviel!

Doch selbst wenn alle Menschen Arbeit hätten, wären das keine paradiesischen Zustände: Sicherlich arrangieren sich die meisten mit ihren Arbeitsverhältnissen. Viele aber merken sehr wohl, dass es nichts mit Glück und Selbstentfaltung zu tun hat, sich jeden Tag zu festgelegter Stunde an einen festgelegten Ort zu begeben, um dort Dinge zu tun, die ebenfalls von anderen bestimmt werden.
Erwerbstätige können sich in der Regel weder aussuchen, was sie herstellen oder tun, noch wie sie das machen, geschweige denn was dann damit passiert. Schon gar nicht können sie ihr Produkt einfach nehmen und selbst verwenden. Darüber hinaus schränkt das Arbeitsleben auch die Menge und die Gestaltungsmöglichkeiten der Freizeit ein. Mögliche Zeitpunkte für Treffen mit FreundInnen, sportliche Aktivitäten oder einfach die Zu-Bett-geh-Zeit sind durch den Rhythmus der Arbeit bestimmt. Zudem sind viele in ihrer Freizeit zu ausgelaugt, um endlich das tun zu können, was ihnen Spaß macht. Freizeit ist dann nicht viel mehr als ein notwendiges Kräftesammeln für den nächsten Arbeitstag. Nein wahrlich - Erwerbstätigkeit ist auch keine Freude.

20 Millionen Hausfrauen und Hausmänner sind 20 Millionen zuviel!

Doch auch die, die weder lohnarbeiten gehen noch davon ausgeschlossen werden, haben nicht das große Los gezogen: Hausfrauen und -männer sind stets vom Einkommen ihrer PartnerInnen abhängig. Ihre Aufgabe ist es, die ErnährerInnen arbeitsfähig und bei Laune zu halten.
Ob sie etwas anderes lieber täten, als tagein, tagaus zu putzen, zu kochen, die Unterwäsche für die ganze Familie zu kaufen und die Kinder zu hüten, steht nicht zu Debatte. Und auch wenn der oder die Erwerbstätige abends heim kommt oder arbeitslos wird, bleiben die genannten Jobs meist an den Hausmenschen hängen. Registrieren tut es niemand. Darüber reden auch nicht. Und auch die völlige finanzielle Abhängigkeit vom anderen Menschen ist kein Thema, über das gesprochen wird. Ganz klar: Auch dies ist bei nüchterner Betrachtung niemandem zu wünschen.

20 Millionen RentnerInnen und SchülerInnen sind 20 Millionen zuviel!

Für diejenigen aber, denen die Gnade des Nicht-mehr-länger-arbeiten-müssens endlich zugestanden wird, bricht nun auch nicht gerade das süße Leben an: Nicht selten sind sie durch die vielen Jahre der Arbeit aufgezehrt und haben mit der Arbeit viele Sozialkontakte verloren. Sie kommen mit der Rente hinten und vorn nicht aus und müssen jetzt "alt" sein. Oft wird ihnen das Gefühl vermittelt, unproduktiv und damit nutzlos zu sein - und weil sie nicht gebraucht werden, sollen sie gefälligst auch keine Forderungen stellen.
Bitter, dass das unbeschwerte Leben nach all dem Gekeule auch mit 66 Jahren nicht anfängt. Und wer sich zudem noch einfallen lässt, krank und gebrechlich zu werden, wird nicht selten zur letzten Aufbewahrung ins Altersheim abgeschoben, wo die Perspektive oft nur noch der Tod ist.
Und auch die SchülerInnen, die erst noch das Arbeiten lernen sollen, sind nicht zu beneiden: Sie werden mit zig anderen ihrer Sorte, die sie sich nicht aussuchen dürfen, in Räume gezwungen, in denen ihnen dann ein erwachsener Mensch (den sie selbstverständlich ebenso wenig auswählen dürfen) die Kindheit austreiben soll. LehrerInnen nennt mensch die, und ihr Job ist es, das freiwillige Handeln nach fremden Regeln zu lehren, damit alle das dann später im Erwerbsleben auch ausreichend verinnerlicht haben. Und so sind auch Unterrichtsinhalt, Lernmethode und Prüfungstermin stets vorgegeben. Ihren Höhepunkt findet diese Zurichtung bei den Azubis, die schulischer und betrieblicher Fremdbestimmung gleichzeitig ausgesetzt ist. Wir sehen schon - auch Junge und Alte haben es nicht so einfach, in unserer Gesellschaft.

Aber ...

... brauchen wir denn nicht Menschen, die die Dinge herstellen, die uns umgeben? Brauchen wir nicht Menschen, die Essen zubereiten und für ein angenehmes Wohnklima sorgen? Müssen Kinder nicht lernen, haben ältere Menschen nicht ein Anrecht darauf, sich zurückzulehnen und den lieben Gott - und sich selber - einen guten Menschen sein zu lassen?
Ja, natürlich ist dem so. All dies ist richtig und wichtig. Aber leider sind diese Dinge, so, wie unser Leben derzeit eingerichtet ist, oft nur Nebenprodukt unserer Tätigkeit. Zu viel wird hergestellt, ohne zu fragen, ob es jemand braucht. Zu groß ist die Anzahl der Tätigkeiten, die nur wider Willen und ohne Freude verrichtet werden. Zu viel wird gelernt, was niemanden interessiert. Zu groß ist die Anzahl derer, die mit ihrem Austritt aus dem Erwerbsleben auch aus allem Anderen ausgestiegen zu sein scheinen. Zu viel Zeit muss vergeudet werden, um die eigene Existenz zu sichern.
Wir tun Dinge nicht, weil wir sie tun wollen, sondern weil wir müssen - denn ohne Geld kann niemand am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Aber mal ehrlich: Das muss doch auch anders möglich sein.

Ja, sicher!

Hören wir auf, Jugend gegen Alter, Erwerbstätigkeit gegen Erwerbslosigkeit, Geld verdienen gegen Hausarbeit aufzurechnen. Hören wir auf, unsere Wahl auf Dinge zu beschränken, die eigentlich alle nicht sonderlich erstrebenswert sind. Machen wir uns Gedanken, wie wir wirklich leben wollen. Stellen wir im Alltag alle Beziehungen in Frage, die uns unsere Zeit, Ideen und Lebensfreude rauben. Gehen wir gegen Institutionen und Regeln vor, denen wir uns bisher selbstverständlich untergeordnet haben.
Lernen wir, Lösungen für Missstände von Scheinlösungen zu unterscheiden. Fordern wir also nicht "Arbeit! Arbeit! Arbeit!", sondern sorgen wir dafür, dass unser Leben anders wird. Nehmen wir selbstbestimmt, frei und gleich, die Dinge selbst in die Hand.
Wie erste konkrete Schritte auf diesem Weg aussehen können, was uns bisher davon abhält, einfach loszulegen, welche Erfahrungen es mit selbstbestimmten Lebensweisen und Organisierungen gibt, welche momentanen Probleme wahrscheinlich überwunden werden können, welche Schwierigkeiten sich auch später immer neu stellen werden, welche Möglichkeiten in Göttingen vielleicht noch unentdeckt schlummern...
Wer Lust und Interesse hat, sich über solche Fragen gemeinsam mit uns auszutauschen, ist herzlich eingeladen, dies in einer offenen Runde am Mittwoch, den 08. Mai, ab 20.00 Uhr in der Gaststätte Junges Theater (Hospitalstrasse, Eingang Wochenmarkt) zu tun!