Beiträge zur Überwindung von Herrschaftsverhältnissen Nr. 2, S. 3

schöner leben für alle - unser Selbstverständnis

Im Sommer hatte sich in Göttingen die „Prag-Gruppe 2000“ zusammengefunden, deren Ziel die organisatorische und inhaltliche Vorbereitung des Widerstandes gegen den IWF/Weltbank-Gipfel in Prag war. Mittlerweile ist sie zu einer dauerhaften Einrichtung geworden ist. Wir möchten uns mit dieser Selbstdarstellung vorstellen und Euch einladen, bei uns mitzumachen. Das Wichtigste zu Beginn: Wir haben uns umbenannt und heißen jetzt: „schöner leben – Initiative zur Überwindung des Kapitalismus (Arbeitsuntertitel).“


Diesen Namen haben wir aus zwei Gründen gewählt. „schöner leben“ steht für unsere Zielperspektive. Es geht uns also nicht nur darum, Mißstände zu benennen, sondern wir wollen auch an einer gesellschaftlichen Utopie und konkreten Fortschritten in diese Richtung arbeiten. Unsere Zielperspektive ist es, in einer herrschaftsfreien Gesellschaft selbstbestimmt, also schöner, leben zu können. Die Frage, wie man das organisieren könnte und die Aufgabe, eine entsprechende gesellschaftliche Entwicklung einzuleiten, bestimmen unsere Diskussionen und unsere öffentlichen Aktivitäten. Der Untertitel der Gruppe „Initiative zur Überwindung des Kapitalismus“ soll darauf hinweisen, was unserem Ziel im Wege steht. Wobei natürlich nicht nur der Kapitalismus eine selbstbestimmte Gestaltung des Lebens verhindert, sondern auch andere Herrschaftsmechanismen und nicht zuletzt unsere eigene Bequemlichkeit, gewohnte Denk- und Handlungsmuster aufzugeben. Gleichwohl sehen wir im Kapitalismus, d.h. in dem systematischen Zwang aus Kapital mehr Kapital zu machen und alle und alles zu diesem Zweck der Konkurrenz auszusetzen, das Kernproblem. Mit Kernproblem meinen wir nicht, daß mit der Überwindung des Kapitalismus auch schon alle anderen Herrschaftsmechanismen abgeschafft wären, vielmehr stellen wir fest, daß andere Herrschaftsmechanismen wie das Patriarchat oder der Rassismus innerhalb des Kapitalismus „nur“ begrenzt eingedämmt werden können. Denn die kapitalistische Form der wirtschaftlichen Planung erzeugt jene Aufspaltung der Interessen und jene individuellen Verhaltensmuster und gesellschaftlichen Widersprüche, die dafür verantwortlich sind, daß unsere Arbeit, unsere persönlichen Beziehungen, unser Denken und Handeln sich immer zumindest auch daran orientieren muß, was sich auszahlt. Kurzfristig und in Teilbereichen können wir uns von den systematischen Zwängen des Kapitalismus lösen und selbstbestimmt agieren, langfristig aber stößt jeder Fortschritt an die Grenze der Finanzierbarkeit und daher wollen wir diese Grenze endgültig aufheben.
Nun sind wir uns dem Problem bewußt, daß sich auch eine radikal gesellschaftskritische Praxis immer in irgendeiner Form positiv auf diejenigen bestehenden kapitalistischen Verhältnisse bezieht, die letztlich überwunden werden sollen. Schließlich kann ja zunächst immer nur aus bereits vorhandenen Möglichkeiten gewählt werden. Da dieser Widerspruch (auch von uns) nicht aufgelöst werden kann, wollen wir auf Kritiken verzichten, in denen politische Praxisformen einfach pauschal als „systemstabilisierend“ abgeurteilt werden. Wir gehen sogar noch weiter: schöner leben heißt für uns auch, heute schon die durch das herrschende System begrenzten Möglichkeiten für ein emanzipatives Leben auszuschöpfen – und die aus einer solchen Praxis resultierenden Widersprüche gezielt in Kauf zu nehmen. Wir begrüßen reformerischen Fortschritt, der etwa zu mehr sozialer Gleichheit führt, sofern dieser nicht durch Inkaufnahme neuer oder verschärfter Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse an anderer Stelle erreicht wird. Ohne eine antikapitalistische Perspektive führen Reformbemühungen jedoch - wie bereits erwähnt - spätestens nach ihrer erfolgreichen Umsetzung in eine politische Sackgasse. Für uns selbst werden wir daher vor allem solche Betätigungsfelder wählen, in denen der häufig formulierte Widerspruch zwischen Reform und Überwindung des Kapitalismus bereits explizit berücksichtigt und möglichst minimiert ist oder aber von uns eingebracht werden kann. Wir wollen die Lebensbedingungen der Menschen hier und heute verbessern und unbeirrbar auf die Überwindung des Kapitalismus hinarbeiten.

Soweit zum Grundsätzlichen, stellt sich also die Frage, wie wir arbeiten wollen. Klar ist, daß wir - was auch immer die Mächtigen, die Wichtigen oder die NachbarInnen nach bestem Wissen und Gewissen daherreden und interpretieren – entschlossen sind, den wirklichen Ursachen und Zusammenhängen gesellschaftlicher Probleme auf den Grund zu gehen. Auch aus unseren bisherigen Erfahrungen wissen wir, daß eine angemessene Kapitalismus- und Herrschaftsanalyse sehr nützlich sein kann: Nichts ist praktischer als eine gute Theorie! Welche politischen Mittel (Publikation, Veranstaltungen, direct action etc.) wir in der Praxis einsetzen werden, soll nicht von vornherein feststehen, sondern soll davon abhängen, welche (Teil)- Ziele wir jeweils erreichen wollen. Insgesamt sehen wir unsere politische Praxis als gemeinsamen Lernprozeß, dessen Fortgang durch unsere praktischen Erfahrungen und die theoretischen Diskussionen bestimmt wird.

In unserem bisherigen Arbeitsfeld, den Protesten gegen IWF und Weltbank und ihre Politik, haben wir mit diesem Lernprozeß schon angefangen. Weiter geht es auf unserer Veranstaltung am 23.11., bei der wir neben einer Diskussion über das kapitalistische Herrschaftssystem und die globalen Finanzinstitutionen auch eine kritische Reflektion des sogenannten globalen Widerstands anbieten werden. Es zeichnet sich bereits ab, daß sich schöner leben danach weiter mit der Kritik des Kapitalismus in seiner neoliberalen Form und der Globalisierungsdebatte befassen wird. Um bei der Weiterentwicklung und Umsetzung unserer Utopie erfolgreich zu sein, bedarf es aber der Erschließung weiterer praktischer und theoretischer Arbeitsfelder. In unserer Arbeitsform versuchen wir schon jetzt, unserer Utopie näher zu kommen, also eine möglichst solidarische und herrschaftsfreie Zusammenarbeit mit Lust auf ein schöneres Leben zu verwirklichen.

Vergeßt Eure Esogruppe, schöner leben gibt’s nur mit uns!