Göttinger Zeitung gegen den IWF/Weltbank-Gipfel in Prag, S. 6 + 7


Die Globalisierung erfordert globalen Widerstand!
Peoples’ Global Action


Peoples’ Global Action (PGA) ist spätestens seit dem legendären Widerstand gegen das WTO-Treffen in Seattle weltweit ein Synonym für den Widerstand gegen den Neoliberalismus. Seinen Ursprung hat PGA in verschiedenen Basisbewegungen in aller Welt. So rief 1996, im dritten Jahr ihres Aufstands, die zapatistische Befreiungsbewegung EZLN zu einem ersten „intergalaktischen Treffen gegen Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft“ auf. Ziel des Treffens sollte es sein, neue Perspektiven der internationalen Solidarität zu eröffnen. Die ZapatistInnen und andere Befreiungsbewegungen und Basisbewegungen des Trikonts verlangen keine direkte Unterstützung, sondern wollen vielmehr eine weltweite Diskussion über die Folgen des Neoliberalismus für die Lebensbedingungen der Menschen und eine Vernetzung der verschiedenen Kämpfe auslösen. Die Menschen, die die unterschiedlichen lokalen und regionalen Auswirkungen des globalen Neoliberalismus zu spüren bekommen, sollen ermutigt werden, sich ausgehend von ihrer jeweiligen Situation zu wehren und basisdemokratische Alternativen aufzubauen. Die internationale Solidarität soll darin bestehen, die verschiedenen Kämpfe untereinander zu vermitteln, eine gemeinsame inhaltliche Basis zu suchen und den Protest weltweit zu koordinieren. Dadurch sollen alle lokalen Kämpfe ernst genommen und ihre politischen Ziele gleichzeitig durch die weltweite Vernetzung gestärkt und weiter entwickelt werden.
Im Februar 1998 wurde in Genf von VertreterInnen von Basisbewegungen aus allen Kontinenten die Plattform „Peoples’ Global Action / Weltweite Aktion gegen den „Frei“-Handel und die Welthandelsorganisation“ - kurz PGA - gegründet, um eine weltweite Koordination des Widerstandes gegen den globalen Markt zu bilden: eine neue Allianz des gemeinsamen Kampfes und der gegenseitigen Unterstützung. Folgende gemeinsame Grundsätze wurden verabschiedet:

• Strikte Ablehnung der WTO und anderer Liberalisierungs-Abkommen (wie APEC, EU, NAFTA usw.) als aktive Agenten einer sozial und ökologisch zerstörerischen Globalisierung;
• Ablehnung aller Herrschafts- und Diskriminierungssysteme wie Patriarchat, Rassismus oder religiösen Fundamentalismus jeder Art sowie Anerkennung der vollständigen Würde aller Menschen;
• Verfolgung einer konfrontativen Haltung, basierend auf dem Bewußtsein, daß Lobbyarbeit in so undemokratischen Organisation (wie z.B. IWF und Weltbank), die maßgeblich vom transnationalen Kapital beeinflußt sind, keinen nennenswerten Einfluß haben kann;
• Orientierung an dem Ziel, gewaltlosen zivilem Ungehorsam zu leisten und lokale Alternativen als Antwort auf die Aktivitäten von Regierungen und Konzernen aufzubauen;
• Orientierung an einer dezentralen und autonomen Organisationsphilosophie.

Mit diesen Grundsätzen wird in erster Linie eine Abgrenzung vom Lobbyismus der NGO verfolgt. Außerdem soll damit verhindert werden, daß - wie anfangs z.B. in Belgien und Australien geschehen - faschistische Gruppen die Basisbewegungen unterstützen.
Daß die erste PGA-Konferenz in Genf stattfand war kein Zufall, denn Ziel war es, Aktionen gegen das im Mai 1998 in Genf stattfindende 2. Ministertreffen der Welthandelsorganisation (WTO) und dem gleichzeitig dort stattfindenden 50. Geburtstag des multilateralen Handelsabkommens (GATT) zu planen. Die erste Aktion wurde gleich zum Erfolg für die PGA. Während allein in Genf mehr als 8000 Menschen gegen die WTO und GATT auf die Straße gingen, fanden in Dutzenden von Ländern aller Kontinente Aktionstage gegen die WTO statt. Seither kam es dank enger Vernetzung zu vielen Aktionen weltweit, wobei London, Seattle und Davos die medienträchtigen Höhepunkte darstellten. Während PGA in Deutschland trotzdem nach wie vor relativ unbekannt ist, gehen in Ländern wie Indien, Kanada oder Brasilien an den regelmäßig stattfindenden ‚Global Action Days’ Hunderttausende auf die Straße.

Vernetzung via Internet

Die PGA ist keine Organisation im herkömmlichen Sinne, sondern eine Vernetzung die hauptsächlich via Internet läuft. Diese Vernetzungsstrategie birgt zwar die Gefahr des Ausschlusses bestimmter Gruppen in sich, da wir weit davon entfernt sind, daß alle Menschen Zugang zum Internet haben. Jedoch hat sich gezeigt, daß diese Form der Vernetzung die Basisbewegungen in den Ländern des Südens weitaus besser einbezieht, als es eine zentralistische Organisation jemals leisten könnte. Zudem finden mindestens alle zwei Jahre PGA-Konferenzen auf unterschiedlichen Kontinenten statt, die von einem Komitee aus jeweils wechselnden Organisationen und Bewegungen aus der ganzen Welt vorbereitet werden.

Turn Prag into Seattle

Daß diese Form des Widerstands wirkungsvoll ist, hat nicht zuletzt die äußerst symbol- und medienträchtige Verhinderung der Eröffnungsveranstaltung des WTO-Treffens in Seattle gezeigt. Wie groß die Befürchtungen der Herrschenden sind, lassen die flehenden Worte des englischen Premiers Blair vermuten, die er in Davos angesichts der dortigen Großdemonstration an die anwesende ökonomische und politische Elite richtete: “Bloß kein zweites Seattle”.