Göttinger Zeitung gegen den IWF/Weltbank-Gipfel in Prag, S. 2 + 3

Entstehung der Schuldenkrise der Dritten Welt
oder: Was erst kommen mußte, damit IWF und Weltbank richtig Gas geben konnten

Die Geschichte öffentlicher Kreditaufnahmen- und vergaben durch Städte und Staaten reicht am Beispiel von Genua und Venedig bis in das Mittelalter zurück. Doch erst mit dem auslaufenden 19. Jahrhundert kommt in den kapitalistischen Metropolen der strategischen Verwendung von Auslandsschulden eine fundamentale politische Kontrollfunktion in der internationalen Konkurrenz der Staaten und Systeme zu.
Seit dieser Zeit gelingt es den Staaten im Zentrum der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, andere Staaten der (Semi-)Peripherie in Abhängigkeitsverhältnisse zu drängen. Mit dem Anlaufen eines meist existentiell benötigten Kredits können nämlich zeitgleich Rückzahlungsforderungen der Gläubigerländer geltend gemacht werden. Diese belaufen sich in der Regel allerdings nicht nur auf die Summe des verliehenen Geldes (das beispielsweise zur Beschleunigung der kapitalistischen Entwicklung in den Schuldnerländern eingesetzt werden soll), sondern eben auch auf ein zuvor festgelegtes Zinsmaß. Die Hoffnung der Empfängerländer beruht jeweils auf dem Zutreffen der einfachen Gleichung, daß auf Grund eines tatsächlich beschleunigten Export- und allgemeinen Wirtschaftswachstums durch neue Kapitalinvestitionen die Kredittilgung (incl. Zinsendienst) bald geleistet werden kann.

Wenn es kriselt


So alt dieses System öffentlicher Kredite ist, so alt sind auch die Schwierigkeiten, die mit der nicht geplanten Einstellung des Schuldendienstes eines Schuldnerlandes bei Zahlungsunfähigkeit einhergehen können. Die sogenannte “Schuldenkrise der Dritten Welt” wurde im August 1982 mit genau solch einer Erklärung der mexikanischen Regierung und anderer Länder der Dritten Welt offenbar, ihre sämtlichen Auslandsschulden ab sofort nicht mehr normal bedienen zu können. Der Begriff “Krise” resultiert dabei aus der Perspektive der Gläubigerländer auf diesen Vorgang, da die Bankrotterklärung der hochverschuldeten Länder des Südens u.a. eine massive Bedrohung für die Stabilität der Privatbanken und Staatshaushalte im Norden, der internationalen Finanzmärkte und damit auch direkt der Wirtschaftsentwicklung und Profitsteigerung in den kapitalistischen Zentren darstellte. Was war geschehen?
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges konnten die USA den Dollar endgültig als internationales Zahlungsmittel Nummer eins durchsetzen (Festschreibung als Leitwährung). So legten in den 60er Jahren auch Banken in Europa zunehmend Dollar-Depots an. Als das rasante Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit langsam abebbte, verfügten die europäischen Banken zunehmend über einen massiven Kapitalüberschuß, da sich Produktionsinvestitionen in den kapitalistischen Zentren nicht mehr rentierten. Eine neue Anlageform für das Kapital in Dollar war dann schnell etabliert: Kredite an die Länder der Dritten Welt. Um sie attraktiv zu machen, wurden sie zunächst zu sehr niedrigen Zinsen vergeben. Das war zu diesem Zeitpunkt nur möglich, da diese Kapitalbewegungen von Banken in Europa - mit Wissen des IWF - jeglicher zwischenstaatlicher Kontrolle entgingen. Durch Kreditvergaben an Länder der Dritten Welt konnten die kapitalistischen Zentren nun abermals (und auf legalisiertem Wege) von der Wertschöpfung in der Peripherie profitieren. Denn um nichts anderes handelt es sich, wenn die Gläubigerländer im Norden Zinsen einstreichen, die zuvor über (Steuer-) Abgaben aus den Arbeitsprozessen in den Schuldnerländern abgeschöpft werden.

Ölkrise: Geldflut im Norden


Anfang der 70er Jahre kam es dann zu einer regelrechten Kreditflut, als der Zuwachs an vergebenen Krediten jährlich bei über 200% lag und ausreichende Risikoprüfungen durch die Gläubigerländer so gut wie nicht realisiert wurden. Während sich die Auslandsschulden der Dritten Welt 1961 noch auf ca. 20 Milliarden Dollar beliefen, waren es 1971 schon ca. 70 und 1980 schließlich ca. 560 Milliarden Dollar. Der massive Anstieg der Ölpreise im Jahr 1973 hat dann auf die Aggressivität bei der Kreditvergabe auf Seiten der Länder des Nordens sowie auf die Notwendigkeit der Kreditaufnahme auf Seiten der Länder des Südens zusätzlich als Beschleuniger fungiert. Durch das von ihnen in den Erdöl fördernden Ländern investierte Kapital profitierten die Industriestaaten direkt von den Ölpreissteigerungen. Gemeinsam mit der Tatsache, daß die Erdöl fördernden Länder ihre Überschüsse ihrerseits in den Industrieländern anlegten, erhöhten sich dadurch die ohnehin vorhandenen Kapitalüberschüsse der Banken weiter. Während also der Norden darauf aus war, das aus den Ölpreissteigerungen resultierende überschüssige Geld in Krediten anzulegen, wurden diese von den Ländern des Südens aufgrund der drastisch gestiegenen Ölrechnungen verstärkt nachgefragt.
Mit der weltweiten Wirtschaftsrezession 1974/75 bekam die Kreditvergabe allerdings noch eine weitere Funktion, nämlich das Wirtschaftswachstum in den kapitalistischen Zentren wieder anzukurbeln: Die Vergabe bilateraler Kredite von Ländern des Nordens an die Länder des Südens wurde dazu zum einen an Handelsabkommen geknüpft, in denen sich die Schuldner verpflichteten, von den erhaltenen Geldern u.a. Industrie- und Rüstungsgüter aus dem jeweiligen Gläubigerland anzuschaffen. Zum anderen erhielten die Schuldnerländer Auflagen, die sie in die Lage bringen sollten, zunehmend ihre Rohstoffe und industrielle Basisgüter auf den freien Markt zu bringen. Bald standen die Länder des Südens mit ihren Exportbemühungen im direkten Konkurrenzkampf zueinander, was auf den erwünschten Verfall der Rohstoffpreise und somit zu sinkenden Importkosten für die Länder des Nordens hinauslief. Aufgrund der somit ausbleibenden - aber ursprünglich ja geplanten - Mehreinnahmen durch eine quantitative Steigerung des Exports, wurde es für die Länder des Südens unmöglich, ihre Schulden jemals bezahlen zu können.

Ökonomische Kapitulation der Schuldnerländer

1979 wurden die Zinssätze der amerikanischen und englischen Notenbank radikal angezogen, um die massive Inflation der 70er Jahre zu durchbrechen und das durch gesteigerte Rüstungsausgaben entstandene Haushaltsdefizit der USA zu begleichen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Länder des Südens aber schon von den (zuvor billigen) Krediten des Nordens abhängig, da diese teils vollständig zum Schuldendienst eingesetzt werden mußten. Als Konsequenz aus den massiv steigenden Zinsbelastungen (Verdreifachung der zurückzuerstattenden Kostenbelastungen) und den schließlich sogar sinkenden Exporterlösen für die Schuldnerländer (Verschlechterung der Terms of Trade) resultierte schließlich 1982 die ökonomische Kapitulation der Dritten Welt. Die Gesamtschulden der Länder der Dritten Welt belaufen sich heute auf weit über 2000 Milliarden Dollar. Während die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe an den Süden jährlich zur Zeit etwa 40-50 Milliarden Dollar netto beträgt, summiert sich die Schuldenabzahlung auf ca. 250 Milliarden Dollar im Jahr.