Flugblatt anläßlich einer Kundgebung vor dem Kino am 18.03.04 (mehr bei goest)

Ausgrenzung hat System
Im Cinemaxx sitzen Sie vor der ersten Reihe

„Wer massive Ausgrenzung betreibt, versucht dies meist mit organisierter Heuchelei zu vertuschen.“ So könnte eine treffende Beschreibung der heute hier im Cinemaxx stattfindenden Veranstaltung lauten. Beteiligt an der Veranstaltung, bei der es vordergründig um Maßnahmen zur beruflichen Integration behinderter Menschen geht, sind u.a. die Agentur für Arbeit, vormals Arbeitsamt, und das Cinemaxx. Durch die Veranstaltung wird ein Trugbild erzeugt, dass die Ausgrenzung von behinderten Menschen verschleiert. Anstatt an einem barrierefreien Leben für alle zu arbeiten, polieren das Cinemaxx und die Agentur für Arbeit nur an ihrem Image und winken zur Ablenkung von der eigenen Unzulänglichkeit mit allerlei Glitterkram. So bekommt die Kinofirma eine Belobigung, weil sie einen behinderten Azubi eingestellt hat und die Agentur für Arbeit darf ihre neuste Maßnahme für die Beschäftigung von behinderten Menschen präsentieren. Viel Tamtam um fast nichts, denn das Cinemaxx und die Arbeitsagentur bauen ansonsten vor allem Barrieren für Menschen mit Behinderung auf. Das Industriekino Cinemaxx ist, trotz Neubau bis heute, für RollifahrerInnen kaum benutzbar - sie müssen vor der ersten Reihe sitzen und eine ordentliche Toilette gibt es für sie auch nicht. Und die Agentur für Arbeit in Göttingen streicht zur Zeit Fördergelder und Ausbildungsprogramme für behinderte SchulabgängerInnen. Die sich hier feierlich gegenseitig auf die Schulter klopfen, sorgen also im Alltag dafür, dass Behinderten der Zugang zu Freizeitvergnügungen und zum Arbeitsmarkt versperrt bleibt.

Was sich in dieser Veranstaltung zur Absurdität erhebt, ist aber leider Ausdruck systematischer Ausgrenzungen, mit denen Menschen immer wieder konfrontiert werden. Behinderte stoßen ja auch in vielen anderen öffentlichen Gebäuden und in vielen anderen Lebensbereichen auf Barrieren – sei es in Form baulicher Hürden oder in Form von Vorurteilen und anderen Einstellungen. Ausgrenzungen und Zugangsbarrieren betreffen zudem nicht nur behinderte Menschen. Es gibt vielmehr ständig und überall Gruppen von Ausgegrenzten: Flüchtlinge dürfen nicht in Deutschland leben, Arbeitslose müssen Zwangsarbeit machen, Drogenkranke werden eingesperrt, Obdachlose aus der Stadt getrieben, Linke vom Staatsschutz verfolgt, Langzeitstudierende von der Uni verwiesen usw. Ausgrenzungen betreffen meistens Menschen und Tätigkeiten, mit denen sich kein Profit machen lässt oder die auf andere Art die Geschäfte stören. Es ist das entscheidende Merkmal der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte, dass immer mehr Menschen so vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen werden. Je stärker die Gerechtigkeitsvorstellungen dabei verletzt werden, desto intensiver wird das legitimierende Trommelfeuer aus angeblichen „ökonomischen Notwendigkeiten“. Reichen Kostenargumente mal nicht aus, dann sind schnell andere Abweichungen vom angeblich „Normalen“ konstruiert, mit denen die Kontrolle und Ausgrenzung bestimmter Menschen gerechtfertigt wird. Was sich an vielen Beispielen beobachten lässt, ist tatsächlich also ein grundsätzliches Problem von herrschaftsförmigen sozialen und gesellschaftlichen Beziehungen. Ausgrenzung ist in Wahrheit nur die Kehrseite der Konzentration von Entscheidungsbefugnissen und Reichtum auf wenige – Herrschaft ist mit Ausgrenzung untrennbar verbunden.

Deshalb muss Herrschaft in allen sozialen Verhältnisse grundsätzlich in Frage gestellt werden. Es gilt, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass unser Handeln bestimmt wird von der Verwirklichung der Bedürfnisse aller Menschen und dem Abbau von Barrieren für ein selbstbestimmtes Leben. Die Konkurrenz um Macht und Profit bringt hingegen immer neue, vielfältige Ausgrenzungen hervor – selbst wenn wir an der einen oder anderen Stelle zeitweise Fortschritte verzeichnen können. Eine emanzipatorische Strategie baut daher darauf, Herrschaft auszumachen, sie zu erkennen und zu beenden – sei es beim Zugang von behinderten Menschen zum Kino oder zum Arbeitsmarkt oder an ganz anderer Stelle.

Herrschaft und Ausgrenzung angreifen. Für ein Leben ohne Barrieren!

AG Vielfalt statt Normierung
bei Schöner Leben Göttingen
März 2004